08.12.2009  
     
 
Potsdam - 8. Dezember
Neue Analyse zum Meeresspiegel
 
  Kaum hatte ich gestern meinen Blogbeitrag an Deutsche Welle abgeschickt, bekam ich eine Mail von meinem finnischen Kollegen Martin Vermeer: unsere neueste Forschungsarbeit sei gerade bei den Proceedings of the National Academy of Sciences der USA online erschienen. Es handelt sich dabei um eine Studie zum Meeresspiegelanstieg. Ich will hier zur Abwechslung einmal weniger über die Ergebnisse sprechen (die kann man in den Medien lesen) als darüber, wie eine solche Arbeit entsteht.

Im September 2008 bekam ich eine Mail von einem Geodäten der Technischen Universität Helsinki in Finnland: Martin Vermeer. Er hatte einen Vorschlag, wie man die einfache Formel über den Zusammenhang von Meeresspiegel und globaler Temperatur noch erweitern und verbessern könnte, die ich 2007 in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Science vorgestellt hatte. Er glaubte, mit einem zweiten Term in der Gleichung auch kurzfristige Meeresspiegelschwankungen erfassen zu können.

Ich war zunächst skeptisch, ob solche kurzfristigen Schwankungen tatsächlich direkt mit der globalen Temperatur zusammenhängen (so wie die von mir zuvor untersuchte Langzeitentwicklung über mehrere Jahrzehnte), aber ich ermunterte ihn das auszuprobieren.

So begann eine Korrespondenz mit dem mir bis dato unbekannten Kollegen, die inzwischen auf über tausend Mails angewachsen ist, und die letztlich in der gestern erschienenen Studie mündete. Getroffen habe ich Martin bis heute nicht – wohl aber sehr schätzen gelernt.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem er mich von der Tauglichkeit seiner Idee überzeugte. Das war am 16. Januar. Er hatte mich um Daten von Simulationsrechnungen mit unserem Klimamodell gebeten, die ich ihm zugeschickt hatte. Ein solches Modell berechnet mit hohem Aufwand das Klima – einschließlich der Meeresströmungen und des Meeresspiegels – aus den Gleichungen der Hydrodynamik und Thermodynamik. Martin hat diese Modelldaten dazu benutzt, um zu testen, ob seine einfache Näherungsformel funktioniert – also ob sie die gleichen Meeresspiegeländerungen errechnet wie das komplizierte Modell, wenn man sie mit den globalen Temperaturdaten aus dem Modell füttert.

An diesem Januartag nun schickte Martin mir eine Grafik mit den Ergebnissen. Ich war völlig verblüfft, wie gut die Formel funktionierte. Selbst die Reaktion des Meeresspiegels auf die großen Vulkanausbrüche des letzten Jahrtausends wurde erstaunlich gut wiedergegeben.

Ab diesem Tag arbeiteten wir beide fieberhaft an weiteren Tests der Methode und an ihrer Anwendung auf Szenarien für die künftige globale Erwärmung. Mitte Februar, schon im Flieger nach Chicago zum Kongress der AAAS (American Association for the Advancement of Science), wo ich zum Vortrag eingeladen war, wurden die letzten Rechnungen fertig. Ich konnte die Ergebnisse in Chicago erstmals den Fachkollegen vorstellen. Danach habe ich sie noch in Kopenhagen und in Oxford auf Fachkongressen zur Diskussion gestellt.

Mitte Juli dann haben wir die Studie in der jetzigen Form bei PNAS eingereicht – nach „Ehrenrunden“ bei Science und Nature, wo mehr als 90% der eingereichten Studien abgelehnt werden, und nach weiteren Verbesserungen aufgrund der Gutachterkommentare. Die Zeitschriften senden Studien an Fachgutachter – je nachdem, wie schnell diese ihre Gutachten fertig stellen und ob sich daraus umfangreiche Revisionen der Studie ergeben, dauert es bis zur endgültigen Publikation dann eine halbes Jahr oder auch schon mal mehr als ein Jahr.

Einige Journalisten wittern natürlich gleich eine politische Verschwörung, wenn eine solche Publikation direkt zum Beginn des Kopenhagener Klimagipfels erscheint. Darauf hat man als Autor aber keinen Einfluss. Journalisten könnten höchstens den Herausgebern von PNAS vorwerfen, dass sie das Paper gerade jetzt bringen und nicht noch einen Monat haben liegen lassen – aber mal ehrlich, welcher Journalist würde seiner Redaktion empfehlen, einen fertigen Artikel zum Klima gerade jetzt nicht zu bringen, wo er besonders aktuell ist?

Diese Arbeit ist übrigens ohne jede Projektfinanzierung entstanden – wir haben keinerlei Gelder beantragt, etwa um Doktoranden, Postdocs oder Rechenzeit auf einem Hochleistungsrechner zu finanzieren, wie es oft bei anderen Studien notwendig ist. Das liegt daran, dass Martin und ich hier nur unsere eigene Denk- und Programmierleistung eingesetzt haben (und wir sind beide fest angestellt, unsere Gehälter sind also grundfinanziert). Für die Berechnungen reichte ein herkömmlicher Laptop.




Foto: Küstenerosion in der Dominikanischen Republik. Durch den steigenden Meeresspiegel beschleunigt sich die Erosion.
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 08.12.2009, 21:01 # 1 Kommentar
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1 Kommentar

  Lieber Stefan,
interessantes Paper. Interessant das mit den Ehrenrunden bei Science und Nature. Das erinnert mich an den Kommentar eines Kollegen (der renommierte Oekologe Erik Pianka) der zwar nie bei Science oder Nature publiziert hat, dafuer aber haufenweise bei PNAS (Proceedings of the National Academy of Science). Er meinte PNAS koennte man auch umtaufen in Papers Not Accepted by Science!
 
  Dagobert Freitag | Homepage | E-Mail | 10.12.2009, 18:52  
 
 
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